Stadt Lahr - Zur Zukunft des Klinikstandorts Lahr
 
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08.06.2018 - Interview Zur Zukunft des Klinikstandorts Lahr

Das Bild zeigt Oberbürgermeister Dr. Wolfgang G. Müller. Er hat graue, kurze Haare, trägt eine eckige, im unteren Bereich rahmenlose Brille, einen blauen Anzug, ein weißes Hemd und eine blaue Krawatte mit gelben, diagonalen Streifen.
Oberbürgermeister Dr. Wolfgang G. Müller
Manfred Dürbeck von der Badischen Zeitung hat dieses Interview am 07. Juni 2018 mit Herrn Oberbürgermeister Dr. Wolfgang G. Müller zur Zukunft des Klinikstandorts Lahr vor dem Hintergrund der Agenda 2030 geführt.

 

 

BZ: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Wo steht nach ihrer Einschätzung das Klinikum Lahr im Jahr 2040?

Dr. Müller: Es wird als Maximalversorger mit mehr als 500 Betten nach diversen Modernisierungs- und Erweiterungsmaßnahmen am heutigen Standort in einer großen fachlichen Bandbreite eine ähnlich hohe Qualität wie das Offenburger Klinikum aufweisen. Mit der Führungsrolle in Kardiologie, Oberbauchchirurgie (Leber und Bauchspeicheldrüse), Radiologie und Gefäßchirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Neurologie mit Neurogeriatrie sowie Neurochirurgie bildet es im Landkreis das Gefäßzentrum und das Kopfzentrum. Aufgrund seiner attraktiven Lage und guten Erreichbarkeit ist es bei Personal und Patienten gleichermaßen hoch angesehen und es ist weiterhin der größte Arbeitgeber in der Stadt Lahr. Diskussionen um den Status der Klinik sind Geschichten von früher.

Diese positive Prognose erfüllt sich jedoch nicht von selbst, sondern es gilt schon heute, die Weichen so zu stellen und immer wieder nachzusteuern, dass die Klinik sich in die skizzierte Richtung entwickeln und dem Bedarf der wachsenden Bevölkerungszahlen in Lahr gerecht wird. Daran arbeiten wir sehr intensiv. Es wird aber ein jahrelanger Marathon!

BZ: Warum wird ein so schwieriges Thema mit so weitreichenden Entscheidungen inklusive Standortschließungen in so kurzer Zeit durchgepeitscht?

Dr. Müller: Die aufgestellte Zeitschiene ist ergebnisorientiert und sieht darüber hinaus die Kreistagswahl in 2019 kommen. Bedeutsamer scheint mir aber die Entscheidungsgrundlage, nämlich das Gutachten. Das tätige Beratungsunternehmen gilt als renommiert. Sicherlich existieren viele standardisierte Werte, Quervergleiche und natürlich gibt es die Erfahrung, jedoch auch Ziele der Gutachter. Bei einem Projekt wie der Neustrukturierung des Ortenau-Klinikums mit seinen unterschiedlichen Standorten und Prägungen wäre es aber unbedingt erforderlich gewesen, solide Erhebungen bei den einzelnen Kliniken vor Ort vorzunehmen. Mir ist bekannt, dass die Gutachter z.B. nur einmal vor Ort in Lahr und in Ettenheim waren, die Aufenthaltszeit betrug wenige Stunden. Ich gebe dies weiter und man möge seine Schlüsse daraus ziehen. Den Eindruck von einem Gutachten vom „grünen Tisch“ aus kann man nicht wegwischen. Da muss ich die Frage stellen: Würden wir in unseren Städten und Gemeinden zulassen, dass Gutachten über kommunale Einrichtungen angefertigt werden, ohne dass sich externe Gutachter tatsächlich vor Ort ein genaues Bild machen würden?

BZ: Der Freundeskreis des Klinikums Lahr verweist bei der Sicherung des Status quo immer auf einen Vertrag, der diesen gewährleisten soll. Was ist in dem Vertrag festgelegt und wie belastbar sind die Festlegungen?

Dr. Müller: Wir lesen den Vertrag so, dass bei der Übergabe des städtischen Klinikums Lahr an den Kreis im Jahr 1976 vereinbart wurde, dass das Haus Lahr in gleicher Qualität wie das Haus Offenburg entwickelt werden wird. Als ein Detail ist z.B. festgelegt, dass der Status als akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Freiburg zu erhalten ist. Inwieweit der Vertrag mit allen Einzelheiten rechtssicher auch nach Jahrzehnten und unter anderen rechtlichen Gegebenheiten, belastbar ist, muss sich zeigen, wenn es zum Schwur kommen sollte. Ich gehe jedoch davon aus, dass wir eine Beschlussfassung des Kreistags erreichen können, die genau das vermeidet.

BZ: Schwimmbäder sind defizitär, Sportplätze und Friedhöfe sind defizitär. Ganz grundsätzlich gefragt: Warum darf ein Bereich, der für die Daseinsfürsorge aller Bürger von existenzieller Bedeutung ist, nicht defizitär sein?

Dr. Müller: Diese Frage habe ich schon zu einem frühen Zeitpunkt in den Raum gestellt und halte sie für sehr berechtigt. Bisher konnte sie mir auch niemand schlüssig beantworten. Wenn vermeintlich astronomische Defizite im Krankenhausbereich pro Kopf der Kreisbevölkerung umgerechnet werden, relativieren sich diese angesichts der tatsächlich existenziellen Bedeutung sehr stark. Medizinische Daseinsvorsorge kostet eben Geld und darf bestimmt nicht hinter andere Bereiche zurückgesetzt werden. Hier geht es nicht um Sportplätze oder Friedhöfe, sondern ganz im Gegenteil, es geht um die adäquate medizinische Vor-Ort-Versorgung unserer Bevölkerung. Allerdings ist aus demographischen Gründen und wegen der höchst erfreulichen, aber teuren Entwicklung der modernen Medizin eine kostenbe-wusste Planung unabdingbar.

BZ: In Ihrem Positionspapier haben Sie betont, Lahr werde alles unternehmen, um neben Offenburg den Status als Maximalversorger sicherzustellen. Was wollen Sie unternehmen?

Dr. Müller: Neben den entsprechenden Weichenstellungen auf Kreisebene wird auch die Stadt Lahr ihre Beiträge leisten: Möglichkeiten für Erweiterungen in der Höhe und der Fläche schaffen, Erreichbarkeit (insbesondere auch mit dem ÖPNV) und Parkierung weiter verbessern, attraktives Bauland und Wohnungen für das Personal ermöglichen, weiche Standortfaktoren ständig überprüfen und verbessern.

BZ: Im Strukturgutachten zur Agenda 2030 ist die Rede davon, Lahr sei gleichberechtigt mit Offenburg. Wie definieren Sie Gleichberechtigung?

Dr. Müller: Gleichberechtigung bedeutet nicht die gleiche Bettenzahl, aber sie darf auch nicht nur auf dem Papier bestehen. Das Lahrer Klinikum muss die gleiche Bandbreite an spezialisierten medizinischen und erlösrelevanten Leistungen wie Offenburg aufweisen. Eine Vorstellung zur Fächerverteilung habe ich zu Frage 1 bereits genannt. Die Übernahme zentraler Aufgaben ist möglich, jedoch nur nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit – dies kann keine Einbahnstraße sein! Lahr muss trotz der Kooperation innerhalb des Verbundes mit den anderen Kliniken der Ortenau in der Lage sein, wirtschaftlich und medizinisch autark eigene Entscheidungen zu treffen.

BZ: Gleichzeitig sprechen Sie von Etikettenschwindel, sollte Lahr nicht mehr als 500 Betten behalten. Sollte Ettenheim geschlossen werden, und die Vorlage geht davon aus, soll aber Lahr nicht einmal alle dort wegfallenden Betten erhalten. Laut Gutachten wird für Lahr ein Bedarf an 433 Betten, für Offenburg von 872 prognostiziert. Wie bewerten Sie diese Zahlen?

Dr. Müller: Diese Zahlen sind unerklärlich und nicht akzeptabel, bedeuten sie doch eine spürbare Verringerung der Bettenzahl in der südlichen Ortenau. Lahr sollte damit rein rechnerisch kein einziges der in Ettenheim wegfallenden Betten erhalten. Es sei daran erinnert, dass gerade die Bevölkerungszahl im Süden der Ortenau mit der Nähe zu Freiburg und dem Europa-Park wächst. Für Lahr werden auch für das kommende Jahrzehnt mit die höchsten Bevölkerungszuwächse im Kreis prognostiziert. Rund 500 Betten in Lahr würden ziemlich genau dem prognostizierten Bevölkerungsproporz entsprechen. Diese wären 30% der Gesamtbettenzahl in der Ortenau für 30% der Wohnbevölkerung der Ortenau. Dabei sind die zahlreichen Patienten aus dem nördlichen Landkreis Emmendingen noch nicht einmal mitberücksichtigt. Sämtliche Fachaussagen benennen für ein Haus der Maximalversorgung ebenfalls eine Mindestbettenzahl von 500, hier spielt auch der Aspekt der Fördermöglichkeiten eine zentrale Rolle.

Die Sorge vor einem möglichen Etikettenschwindel bezieht sich sowohl auf die Bettenzahl als auch auf die vorzuhaltende Breite und Tiefe der ärztlichen Disziplinen.  

BZ: Wie ist der Stand bei den Intensivbetten? Sie haben eine Erhöhung gefordert.

Dr. Müller: Nach allen fachlichen Expertisen brauchen wir als Haus der Maximalversorgung mehr Intensivbetten als das Gutachten vorsieht. Beide Maximalversorger -Offenburg und Lahr- brauchen ein gleiches Verhältnis zwischen Plan- und Intensivbetten. Ohne ausreichend Intensivbetten sind komplexe, interdisziplinäre Operationen gar nicht möglich. Dies wiederum ist z.B. Voraussetzung, um zusammenhängende Hauptdisziplinen an einem Standort führend zu etablieren. Bei einer angemessenen Anzahl dieser Fächer ist mit mindestens 25-30 Intensivbetten für Lahr zu rechnen. Die konkrete Planung steht aber noch an, wir müssen uns beizeiten hier einbringen.

BZ: Im Kreistag sprachen Sie von der Gefahr eines Abschmelzungsprozesses. Der hat ja bereits begonnen. Gibt es Erkenntnisse, inwieweit der Abzug der Apotheke zu Problemen bei der Versorgung geführt hat?

Dr. Müller: Die Tatsache, aber auch die Umstände zur Schließung der Apotheke in Lahr durch eine Zentralisierung in Offenburg stimmt mich heute noch missmutig. Das ist ein Beispiel für einen scheibchenweisen Abschmelzungsprozesses. Er war so gestaltet, dass seine Wirkung kleingeredet und von vielen in seiner Bedeutung nicht erkannt werden konnte. Es schwächt die Onkologie in Lahr, eine unserer Qualitätssäulen. Gleichzeitig hat man Mitarbeitern Maulkörbe verpasst. Wie ich aus dem Klinikum höre, haben sich bei der Apothekenversorgung tatsächlich Schwierigkeiten ergeben. Diese Informationen möchte ich aber zunächst selbst überprüfen und mit der Verwaltung besprechen.

Es bestehen darüber hinaus aber auch weitere Pläne zur Zentralisierung von Dienstleistungen, wie zum Beispiel der Essensversorgung. Wir kennen Erfahrungen mit Essensdiensten in unserer Stadt. Schon deshalb halte ich ein „Essen auf Rädern“ Ortenau-weit für falsch. Ohne Not darf man sich nicht wechselnden Verkehrsverhältnissen unterwerfen und dazu noch Qualitätseinbußen in Kauf nehmen. Ganz zu schweigen von den Transportwegen, die über die Straßen absolviert werden müssten. Angesichts der derzeitigen CO2- und Feinstaubdiskussionen, den Straßenverkehr zu reduzieren, ist der Ansatz kontraproduktiv.

Alles in allem darf es zu keinem Sog hin zum größten Haus kommen, der nach und nach weitere Kapazitäten, Funktionen und Qualitäten aus den anderen Häusern abzieht. Das muss der Kreistag verhindern! Die schiere Größe eines Hauses mit nahezu 900 Betten, noch dazu ein Neubau mit weiteren Flächen für Verwaltung und anderen Dienstleistungen, birgt diese Gefahr mehr als latent in sich. Hier will ich festhalten, dass dieser Prozess nicht von der Stadt Offenburg selbst intendiert ist! Ich warne aber vor dieser Entwicklung, sie wäre eine Gefahr für unseren gesamten Klinikverbund, eben nicht nur für Lahr. Der Sog wirkt kreisweit! Im Übrigen gilt dies auch für die Personalrekrutierung oder auch für medizinische Dienstleister wie z.B. niedergelassene Ärzte oder Physiotherapeuten an den einzelnen Standorten.

Mit einem 500 Betten-Haus in Lahr können wir gerade für die Pflege mit hoher Teilzeitquote den Arbeitsmarkt der südlichen Ortenau viel besser ausschöpfen, als es ein zentrales Mammuthaus mit weiterer Anfahrt könnte. Auch für Mediziner, die oft von Freiburg kommen, muss nicht alles auf das größte Haus ausgerichtet sein: Für den PKW liegt Lahr näher, mit dem Zug sind es nur wenige Minuten Unterschied.

BZ: Eine Ihrer zentralen Forderungen ist, dass der kaufmännischen Geschäftsführung künftig ein geschäftsführender ärztlicher Direktor zur Seite gestellt werden sollte, der das Vertrauen des Kreistags genießt. Dahinter steckt ja wohl die Überzeugung, dass gerade bei Krankenhäusern betriebswirtschaftliche Berechnungen nicht allein ausschlaggebend sein dürfen. Wie sind die Reaktionen auf diese Forderung?

Dr. Müller: Zunächst muss diese Forderung noch intensiver vorgetragen werden. Die Bestellung eines Geschäftsführenden Ärztlichen Direktors halte ich für dringend anzustreben - aus Gründen der Parität mit Amtssitz in Lahr! Der medizinische Sachverstand muss in der Entscheidungshierarchie auf gleicher Augenhöhe sein mit dem betriebswirtschaftlichen Know-how. Das ist in der Organisationsstruktur anzulegen, ein schieres Anhörungsrecht ist zu wenig. Es muss ein Gleichgewicht geben zwischen medizinischen und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen. Ist die Struktur so angelegt, dass im Zweifelsfall immer die betriebswirtschaftliche Sicht die Oberhand behält, wird der Kreistag am Nasenring der Kosteneffizienz geführt. Es darf nicht immer alles nur billiger werden müssen! Das wäre nicht mehr unser Ortenau-Klinikum, auf dessen Qualität wir alle stolz sind. Auch die Bevölkerung hat ein berechtigtes Interesse daran, dass sie gesundheitlich vor Ort gut versorgt werden kann. Das müssen wir Politiker im Blick haben. Und Qualität hat nun mal  ihren Preis!

Unabdingbar ist, für strategische Fragen muss es ein Primat der Politik geben! Das gilt auch für die Definition der Maximalversorgung. Was zu einem Haus der Maximalversorgung gehört, ist Sache des Kreistags. Dieser hat einen Masterplan zu beschließen, der eben nicht von betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und einem „Innovationboard“ dominiert werden darf!