Lahrer Zeitungen, Badische Zeitung, Lahrer Zeitung, Lahrer Anzeiger

09.10.2020 - Ehemaliger jesidischer Flüchtling engagiert sich im Dolmetscherpool / Neue Dolmetscher gesucht Wenn der „Zischdig“ zum achten Wochentag wird

Kufan Kamal Sleiman und Charlotte Wolf stehen vor der Eingangstür des Mehrgenerationenhauses.
Kufan Kamal Sleiman und Charlotte Wolf
Quelle: Stadt Lahr
Der ehrenamtliche Dolmetscherpool der Stadt Lahr möchte helfen, Sprachbarrieren in öffentlichen Einrichtungen zu überwinden und Menschen mit Migrationshintergrund zu unterstützen.

Mehr als 50 Personen, die gemeinsam 20 Sprachen sprechen, engagieren sich für das Projekt, das 2013 ins Leben gerufen wurde. Trotz dieser hohen Zahl ist der Pool weiterhin auf der Suche nach neuen ehrenamtlichen Dolmetschern, insbesondere für die Sprachen Somali, Farsi und Dari, Bulgarisch, Türkisch, Ungarisch, Serbokroatisch, Thai, Vietnamesisch, Sorani (Kurdisch), Ibo, Tamil, und Tigrinya. Alle, die sowohl Deutsch als auch eine andere Sprache sehr gut beherrschen und Interesse an einer Mitarbeit beim Dolmetscherpool haben, sind herzlich eingeladen, sich bei der Integrationsbeauftragten der Stadt Lahr, Charlotte Wolff, unter Tel. 07821 / 327 1144 oder per E-Mail: dolmetscherpool@lahr.de zu melden.

Einer der Ehrenamtlichen im Dolmetscherpool ist der 24-jährige Kufan Kamal Sleiman aus dem Irak. Als Jeside ist er im Juni 2015 aus dem Nord-Irak geflüchtet. Heute spricht er fließend Deutsch, macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und engagiert sich für seine Mitmenschen. „Ich habe selbst gesehen, wie wertvoll es ist, beim Arzt oder auch im Job-Center Hilfe zu bekommen und ich helfe gerne“, erläutert Sleiman seine Motivation, beim Dolmetscherpool ehrenamtlich mitzuarbeiten.

„Für mich war es nicht mehr möglich, im Irak zu leben“, erzählt Sleiman seine Geschichte. Seine Kindheit war schwierig, schon als Neunjähriger hat er gearbeitet, als 14-Jähriger ging er tagsüber in die Schule und nachts zur Arbeit, sonst hätte der Familie das Geld zum Notwendigsten gefehlt. Als der IS im Jahr 2014 weite Teile des Nord-Iraks besetzte, entschloss er sich zur Flucht.

Angekommen ist der junge Mann in Passau. Eine seiner ersten Tätigkeiten in Deutschland war, sich ein Ticket der Deutschen Bahn zu kaufen und sich durch den Dschungel des Ticketautomats zu schlagen. In den ersten zwei Monaten in Deutschland, die er im Norden verbrachte, verständigte sich der junge Mann noch auf Englisch. Danach hat er sich immer mehr in die deutsche Sprache eingefunden. „Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg“, betont Sleiman, fast akzentfrei. Zuerst hat er nur zugehört und die für ihn fremden Wörter nachgeschlagen. Aus allen Situationen hat er gelernt. Beim Beobachten und Zuhören eines Kassierers im Schnellrestaurant hat er die Zahlen gelernt und die Zeit ohne Arbeitserlaubnis intensiv zum Lernen genutzt. „Man darf nicht einfach nur im Zimmer sitzen“, sagt er.

Bereits in den Flüchtlingsunterkünften hat er angefangen, für andere zu übersetzen, und engagierte sich ehrenamtlich als Hausmeister. Nach etwa einem Jahr in Deutschland wurde sein Asylantrag genehmigt. Eine Zusage zu einem Vollzeitjob, den Sleiman in einer Fast-Food-Kette fand, ermöglichte es ihm, zu seinen Eltern nach Friesenheim zu ziehen. Hier hat er sich auch für einen Deutschkurs angemeldet, den er jedoch nicht besucht hat, weil er arbeiten musste und wollte. Trotzdem ist er zur Prüfung gegangen und hat seitdem das Zertifikat „Sprachniveau B1 und Beruf“ in der Tasche. Mittlerweile hat er eine Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel angefangen und ist ein Vorzeigeschüler mit besten Noten. Sein Ziel ist es, irgendwann selbstständig zu sein. „Wenn man etwas will, kann man das auch schaffen“. Die deutsche Staatsbürgerschaft möchte Sleiman annehmen, den erforderlichen Einbürgerungstest hat er schon mit Bravour bestanden. Auch wenn es mit dem badischen Dialekt nicht immer ganz so einfach ist. Anfangs überlegte Sleiman, ob es im Deutschen möglicherweise gar acht Wochentage gibt, denn den „Zischdig“ (badisch für Dienstag) konnte er erst nicht einordnen, erzählt der Dolmetscher lachend.

Menschen wie Sleiman sind wertvoll für den Dolmetscherpool, betont Charlotte Wolff, Integrationsbeauftragte bei der Stadt Lahr. Er kennt die Situation, in der sich Geflüchtete befinden und hat sich in seiner Zeit in Deutschland bereits ein institutionelles Wissen erarbeitet. „Kufan Kamal Sleiman ist für uns nicht nur Dolmetscher, sondern auch Kulturvermittler“, sagt Wolff. Er kann wertvolle Unterstützung leisten, an weniger integrierte Personen heranzukommen, um entsprechende Unterstützungsangebote anzubieten.

Wer an der Schulung teilnehmen möchte, kann sich bei Charlotte Wolff unter Tel. 07821 / 327 1144 oder per E-Mail dolmetscherpool@lahr.de melden. Dort gibt es auch weitere Informationen zu dem Projekt.