Dieser Gedanke von Dschalal ad-Din al-Rumi, 1207-1273, einem der bedeutendsten persisch sprachigen Dichter des Mittelalters ist von großer Aktualität – besonders im Kita-Alltag. Frühe Mehrsprachigkeit: Was heißt das für die kindlichen Gehirne? Wie entwickeln sie sich? Sind sie damit überfordert oder haben früh mehrsprachige Kinder sogar Vorteile?
In einer kleinen Fortbildungsreihe, die zum Teil als Webinar und zum Teil als Präsenzveranstaltung angeboten wurde, setzten sich Erzieherinnen und Erzieher aus Lahrer Kitas an vier Nachmittagen trägerübergreifend mit Fragestellungen, die sich um frühe Mehrsprachigkeit und Interkulturalität drehten, auseinander. Herangezogen wurden dazu die Forschungsergebnisse von Professorin Dr. Rita Franceschini, die an der Freien Universität Bozen zum Thema forscht. Kinder, die früh zwei Sprachen sprechen lernen, können ihre für die Sprache aktivierten Gehirnregionen später auch zum Lernen weiterer Fremdsprachen wieder nutzen. Späte Mehrsprachige müssen neue Netzwerke im Gehirn dafür aufbauen. Außerdem weisen sie schon im Kindesalter eine höhere Dichte an grauen Zellen im Bereich des Arbeitsgedächtnisses auf, sind deshalb schneller im Erkennen von Alternativen und entscheiden in der Untersuchungssituation besser zwischen richtig und falsch.
Diese sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse untermauern, was in den Kitas nun seit einigen Jahren gelebt wird: Die Wertschätzung der Herkunftssprachen. Eltern wird geraten, das eine zu tun – ihren Kindern einen ausreichenden Deutschkontakt durch möglichst regelmäßigen Kitabesuch und die Nutzung weiterer Angebote beispielweise im Verein zu ermöglichen – und das andere nicht zu lassen: In der Familie auch die Herkunftssprache zu pflegen. In vielen Kitas wird diese Wertschätzung schon im Eingangsbereich deutlich: Ein herzliches Willkommen steht dort auch in den verschiedenen Familiensprachen. Und im Alltag finden die Kinder ihre Sprachen repräsentiert durch Geburtstagslieder oder durch Eltern, die Vorleseangebote in ihrer Sprache machen.
Das nächste Thema, mit dem sich die Fachkräfte in der Fortbildung auseinandersetzten, war das „Translanguaging“. Mehrsprachige Menschen mischen oft ihre Sprachen, machen eine Anleihe in der anderen Sprache. Das geschieht besonders dann, wenn das gesuchte Wort in der einen Sprache nicht einfällt oder wenn die andere Sprache stilistisch für die jeweilige Situation mehr hergibt oder je nach Sprachkompetenz der Gesprächsteilnehmer ein Wechsel erforderlich ist. In der Forschung hat hier ein Perspektivwechsel eingesetzt. Ein solches Sprachverhalten wird nicht mehr als defizitär angesehen, sondern als Ausdruck hoher Sprachkompetenz, denn durch diesen Wechsel können die Sprecher das Verständnis sichern, das Gespräch am Laufen halten. Natürlich sollten bei Kindern gewisse Regeln eingehalten werden, bis sie im Alter von etwa vier Jahren gelernt haben, zwischen den beiden Sprachen zu unterscheiden, zum Beispiel in einer Situation klar bei einer Sprache zu bleiben. Aber, so Dr. Argyro Panagiotopoulou von der Universität Köln, es macht keinen Sinn, Kinder früh zu Einsprachigen zu erziehen und dann in der Schule mit viel Mühe wieder zur Fremdsprache zu führen, denn die Lebensrealität der Kinder ist schon lange mehrsprachig.
Mehrsprachigkeit ist nicht loszulösen vom Thema Interkulturalität. Welche Bedeutung Kultur für Entwicklung, Erziehung und Bildung hat, hat Heidi Keller, die in Osnabrück lehrte, mit ihren Feldforschungen untersucht. Die Fachkräfte begegnen in den Kitas Familien aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Ihre Erziehungsziele für ihre Kinder weichen zum Teil deutlich von denen, die in der Kita angestrebt werden, ab. Individualität, selbständig Ideen entwickeln und umsetzen sind Ziele, die in deutschen Kitas angestrebt werden. Da passt der gebastelte Clown eines Kindes, der exakt so aussieht wie die Vorlage der Erzieherin, zunächst nicht zu den pädagogischen Vorstellungen. Was aber, wenn Erziehungsziele der Herkunftskultur des Kindes das Einfügen in die Gemeinschaft und Präzision sind? In den Augen seiner Eltern hat das Kind alles richtig gemacht.
Für solche Dinge zu sensibilisieren, den Blick auf die individuelle Familienkultur zu richten und wenn nötig neue Wege zu finden, war Thema der letzten Veranstaltung. Sich bewusst werden über eigene kulturelle Voreingenommenheiten und Einseitigkeiten sind dafür die Grundlage. Im „Anti-Bias-Ansatz“ von Louise Derman Sparks und Carol Brunson-Philips wurde schon in den 80er Jahren in den USA nach neuen Wegen gesucht. Für die deutsche Adaption dieses Ansatzes, der „vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ zeichnet sich vor allem Petra Wagner, Direktorin des Instituts für den Situationsansatz (ISTA), verantwortlich. Sie hat Methoden entwickelt, wie Konfliktsituationen und Irritationen zwischen Fachpersonal und Familien entemotionalisiert und entschärft werden können, wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zu zugehen, sich gegenseitig Erklärungen liefern und das Kind in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen. An exemplarischen und aktuellen Konfliktsituationen wurde die Suche nach dem sogenannten „3. Raum“, dem Ort, der jenseits von richtig und falsch liegt, an dem man sich treffen kann, auch im Seminar geübt.