Die Stadt Lahr erprobt derzeit in einem Leerstand am Urteilsplatz einen neuen Ansatz in der Kinder- und Jugendarbeit: In der Friedrichstraße 8 wird noch bis Montag, 18. Mai 2026, ein temporärer Jugendraum betrieben. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen im Innenstadtbereich einen niedrigschwelligen, sicheren Aufenthaltsort zu bieten und gleichzeitig die Sichtbarkeit der mobilen Jugendarbeit zu stärken.
Der Jugendraum dient als sogenannter Safe Space und Ankerpunkt. Nach zwei Wochen sieht eine vorläufige Bilanz positiv aus. Das Angebot wird von Kindern und Jugendlichen sehr gut angenommen. Geleitet und betreut wird der Jugendraum von Lahrs Streetworkern Thomas Hug und Gamze Boydak.
Das Angebot des Jugendraums teilt sich in drei Themenblöcke auf. In der Afterschool-Zeit zwischen 12:30 und 14:30 Uhr können Schülerinnen und Schüler den Raum zum Essen, für Hausaufgaben oder als Überbrückung nutzen. Am Nachmittag ab 15 Uhr folgen niederschwellige Mitmachangebote für Kinder und Jugendliche ab dem Grundschulalter wie Basteln, Spiele oder eine Stadtrallye. In den Abendstunden ab 18 Uhr richten sich spezielle Formate wie Tischtickerturniere, Kinoabende sowie Girls- und Boys-Chill-Abende gezielt an Jugendliche. Eine offene Struktur, wie in Jugendtreffs üblich, ist während der temporären Nutzung des Raums nicht vorgesehen.
Der Jugendraum ist in verschiedene Themenblöcke gegliedert: Ein Atelier für kreative Angebote, ein Bereich mit Tischkicker, zwei abtrennbare Chill-Areas sowie ein kleiner Indoor-Sportbereich mit Basketballkorb und Dartscheibe. Ergänzt wird das Angebot durch einen Ruheraum für Hausaufgaben und vertrauliche Gespräche sowie einen Küchenbereich mit Aktionen wie Pizza- und Pancakebacken.
Die Einrichtung des temporären Jugendraums erfolgte kurzfristig und mit großem Engagement: „Da war unser Improvisations- und Organisationsgeschick stark gefordert und letztendlich ging das nur mit Unterstützung von vielen fleißigen Händen bei uns im Team und mit den Kolleginnen und Kollegen des Schlachthofs“, betont Streetworkerin Gamze Boydak.
Thomas Hug und Gamze Boydak nutzen die vier Wochen im temporären Jugendraum für mehr Sichtbarkeit ihrer Arbeit. „Wir sind ja auf der Straße nicht gleich als Jugendsozialarbeiter erkennbar“, so Thomas Hug.
Auch künftig bleibt die aufsuchende Arbeit – das direkte Ansprechen von Jugendlichen im öffentlichen Raum – ein zentraler Bestandteil der Tätigkeit. Der temporäre Jugendraum ergänzt diese Arbeit sinnvoll, ersetzt sie jedoch nicht.
Thomas Hug wurde schnell bewusst, dass ein eigener Jugendraum im Innenstadtbereich als zentrale Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche hilfreich wäre. Viele Jugendliche hielten sich überwiegend in ihren unmittelbaren Quartieren auf und seien nur schwer zu einem Ortswechsel zu motivieren. Dadurch falle auch die Anbindung an bestehende Angebote im Schlachthof oder an die Sportangebote der Streetworker im Bürgerpark schwer, so Hugs Erfahrung.
Die mobile aufsuchende Jugendarbeit – auch Streetwork genannt – ist ein zentraler Baustein der Kinder- und Jugendbetreuung in Lahr. Seit Juli 2024 ist Jugend- und Heimerzieher Thomas Hug in diesem Bereich tätig und betreut vor allem die Innenstadt sowie die östlichen und südlichen Stadtbezirke. Im Dezember 2025 trat Erzieherin Gamze Boydak die Nachfolge von Alexander Marker an und ist für den Lahrer Westen und die westlichen Stadtteile zuständig. Als Teil der Gemeinwesenarbeit arbeiten die Streetworker nach den vier Säulen der mobilen Arbeit: Einzelfallhilfe, Gruppenangebote, Gemeinwesenarbeit und Streetwork.
Ziel der beiden Streetworker ist es, mit Jugendlichen direkt in ihrem Lebensumfeld in Kontakt zu treten und langfristige Vertrauensverhältnisse aufzubauen. Nur durch diese Vertrauensebene können auf längere Sicht tragfähige Beziehungen aufgebaut und Einfluss genommen werden. So werden im besten Fall Regeln und Werte vermittelt, um ein gesellschaftliches Miteinander auf Dauer zu gewährleisten.
In der Arbeit geht es beispielsweise darum, die Sozialräume der Jugendlichen zu erhalten. Dazu gehört auch, ihnen zu vermitteln, die Plätze sauber zu halten, um sie weiterhin nutzen zu können. Die Entwicklung schätzen die Streetworker positiv ein. Im Stadtgebiet gibt es mittlerweile nur noch eine kleinere Gruppe Jugendlicher, die Ärger bewusst verursachen. Aus einer früheren größeren Gruppe sind mittlerweile einige auf einem guten Weg und haben erkannt, dass Schulabschluss und Ausbildung wichtiger sind, als auffällig zu sein.
Beim beliebten Treffpunkt im Durchgang des Rathauses II ist es hingegen trotz hoher Präsenzzeiten der Streetworker nicht abschließend gelungen, den Jugendlichen die notwendige Achtsamkeit zu vermitteln. Dort wurden nun seitens der Stadt nach einer Art Duldung ein striktes Aufenthaltsverbot verhängt und eine Kameraüberwachung installiert.
Im Bürgerpark kommt es vermehrt zu Vandalismus. Für Gamze Boydak ist dies eine herausfordernde Situation: Einerseits handelt es sich um klare Straftaten, andererseits erkennt sie bei vielen Jugendlichen eine gewisse Orientierungslosigkeit sowie den oftmals herrschenden Gruppenzwang. Vor diesem Hintergrund ist es für die Sozialarbeiterin wichtig, eine klare Haltung zwischen Pädagogik und Sanktion zu entwickeln.
Ein großes und umfassendes Netzwerk der verschiedenen Einrichtungen und Akteure ist für die Streetworker ein essenzieller Bestandteil ihrer täglichen Arbeit. Somit sind enge Kooperationen mit dem Schlachthof, der Gemeinwesenarbeit, der Schulsozialarbeit und anderen Einrichtungen in den jeweiligen Quartieren sehr wichtig. Zudem besteht ein regelmäßiger Austausch mit dem Kommunalen Ordnungsdienst der Stadt (KOD), der Jugendstaatsanwaltschaft und der Polizei im Haus des Jugendrechts sowie verschiedenen Arbeitskreisen.