24.08.2017 - Klimaneutral reisen
Urlaub ohne schlechtes Gewissen
Der Lahrer Klimaschutzmanager sucht nach klimaneutralen Reisemöglichkeiten.
Die Lahrer sind reisefreudig. Gleich zwölf Reisebüros erfüllen in der Stadt Urlaubsträume. Fernreisen belasten allerdings die Atmosphäre. Deshalb soll es neuerdings mit dem Kauf von Klimazertifikaten möglich sein, mit gutem Gewissen zu reisen.
Ob klimaneutrales Reisen in Lahr ein Thema ist, das wollte der Lahrer Klimaschutzmanager Dr. Michael Dutschke wissen und hat mit den lokalen Reisebüros gesprochen.
Rät ihren Kunden zur Spende für den Klimaschutz: Martina Bauder, Geschäftsführerin von Taucher-Reisen
Egal wie man in den Urlaub reist, mit dem Auto, dem Zug oder per Flugzeug, in jedem Fall trägt man zur Erderwärmung bei. Grund dafür sind fossile Kraftstoffe, deren Verbrennung Treibhausgase ausstößt. Einige Anbieter versprechen jetzt den Klimaschaden auszugleichen, so dass ein „klimaneutrales“ Reisen möglich sei. So sichert die Deutsche Bahn ihren BahnCard-Inhabern beispielsweise zu, für ihre Reisen nur Ökostrom zu verwenden. Allerdings gibt die Bahn selbst an, nur 42 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. „Möglich wird’s mit einem Rechentrick“, erklärt Dr. Michael Dutschke, „Kunden ohne BahnCard beziehen den ‚schmutzigen‘ Teil aus dem Strommix, nämlich Kohle- und Atomstrom. Aber Trickserei hin oder her, die Bahn ist für die meisten Strecken die klimafreundlichste Alternative und in jedem Fall dem Auto mit Verbrennungsmotor überlegen.“
Fluggesellschaften werben damit, dass ihre Jets pro Sitz einen geringeren CO2-Ausstoß pro Kilometer hätten als die meisten Autos. „Aber da vergleichen sie Äpfel und Birnen, denn niemand fährt mit dem PKW mal eben nach Übersee“, gibt Dutschke zu bedenken. Auf der Fernreise nach Thailand emittiert jeder Fluggast etwa fünf Tonnen CO2, so viel Treibhausgase, wie der durchschnittliche Deutsche in fünf Monaten ausstößt und etwa das Doppelte von dem, was im Jahr gerade noch klimaverträglich wäre, wenn die Emissionen der Welt gerecht verteilt wären. Ein Flug in der Business-Klasse schlägt dann gleich mit neun Tonnen zu Buche, weil auf demselben Raum nur etwas mehr als die Hälfte der Sitze installiert ist.
„Fakt ist, dass die Folgen der Erderwärmung bei keinem Verkehrsmittel in den Treibstoff eingepreist sind“, weiß der Lahrer Klimaschutzmanager. Was also tun, um mit gutem Gewissen zu reisen und die Belastung des Klimas auszugleichen? „Anstelle auf das Reisen zu verzichten, kann man zum Beispiel einen Beitrag zu Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern leisten“, sagt Dutschke. Ein seit Jahrzehnten ausgefeiltes internationales Zertifizierungssystem sorge dafür, dass der empfohlene Beitrag mindestens den gleichen Klimaschaden vermeidet, den die Reise verursacht. Die bekanntesten Anbieter auf dem Markt sind die deutsche atmosfair.de und myclimate.org aus der Schweiz. Mithilfe von einfachen Klimarechnern auf ihren Websites lässt sich der jeweilige Kompensationsbedarf abschätzen. Die empfohlene Spende für die Asienreise beträgt rund 100 Euro, der Ausgleich für den Mallorca-Trip trägt mit zwölf Euro zu klimafreundlichen Entwicklungsprojekten bei. Beide Organisationen unterstützen nur die glaubwürdigsten Projekte; bei myclimate hat der Kunde hat sogar die Option, sich das sympathischste Vorhaben auszusuchen.
Einen anderen Weg schlägt TheCompensators.org ein. Der gemeinnützige Berliner Verein kauft europäische Emissionsrechte an und entwertet sie. „Damit tut er, wozu sich die Europäische Kommission bisher nur sehr zögerlich durchringt, nämlich die Obergrenze für den Treibhausgas-Ausstoß der Industrie zu senken“, erläutert Dr. Dutschke, „Wenn Emissionsrechte knapp werden, muss die europäische Industrie mehr aktiven Klimaschutz betreiben.“
Michael Dutschke hat bei seinen Gesprächen in den Lahrer Reisebüros eher abwinkende Gesten gesehen. Reisen, so erklären die Unternehmer, verkaufen sich über den Preis – mit einem Klima-Obolus wolle man den Kunden nicht verschrecken. Das Derpart Reisebüro Rade hat drei Jahre lang die eigenen Emissionen mit myclimate kompensiert. „Weil kein Kunde sich für das Gütesiegel an der Tür interessierte, hat man diese Spende wieder eingestellt“, weiß Dutschke von der Prokuristin Gabriele Rade. Anderes hörte er von Martina Bauder, die Taucher-Reisen vermittelt und das Thema Klima-Neutralstellung bei ihren Kunden offensiv anspricht: „Das sollte heute doch selbstverständlich sein“, findet sie. Immerhin jeder dritte Kunde folgt ihrem Rat und spendet an atmosfair.
„Die beste Vermeidungsstrategie ist natürlich die, die man selbst in der Hand hat“, meint Dutschke, „Der lang geplante Jahresurlaub muss ja nicht darunter leiden, aber für den Wochenend-Trip zum Ballermann gibt es sicher klimafreundliche Alternativen gleich um die Ecke.“