12.05.2017 - Delegation in Rußland
Lahrer Partnerschaftsgespräche in Zvenigorod
Die Lahrer Delegation mit ihren Gastgebern in Zvenigorod
Die Lahrer Delegation ist von ihrer Partnerschaftsreise aus Zvenigorod zurückgekehrt. Acht Vertreter aus Verwaltung und Gemeinderat hatten vom 4. bis 10. Mai 2017 Moskau und Zvenigorod in der Region Moskau besucht.
Höhepunkt war die offizielle Teilnahme an den Feierlichkeiten am 9. Mai zum Tag des Sieges in Zvenigorod mit Niederlegung von Blumen zu Ehren der Gefallenen. Der 9. Mai gilt in Russland als der wichtigste Feiertag im Jahr. Die Reise diente dazu, die Stadt und die Verantwortlichen in Zvenigorod sowie wichtige Ansprechpartner vor Ort kennenzulernen. Zuvor war Bürgermeistervertreter Evgenij Rishov im Oktober 2016 zu einem Kurzbesuch in Lahr. Für Lahr war es der erste Besuch in Zvenigorod.
Es war eine Reise ins Ungewisse. Wie würde die Präsenz der Deutschen ausgerechnet am Gedenktag des Sieges über Nazi-Deutschland von der Bevölkerung aufgenommen werden? Die Einladung wurde von den russischen Offiziellen zwar just für diesen Tag ausgesprochen, aber wie die Bürger in der kleinen Stadt mit offiziell 22 000 – tatsächlich circa 100 000 – Einwohnern darauf reagieren, war von Lahr aus nicht vorherzusehen. Doch es stellte sich heraus, dass es genau der richtige Zeitpunkt für diese Reise war. Bürgermeister Tilman Petters: „Wir haben schnell verstanden, dass dieser Tag in besonderer Weise hilft, die Menschen zu verstehen und auch ihr Herz zu gewinnen. Ich konnte zum Ausdruck bringen, dass dieser Tag auch für uns ein Tag des Gewinnes und ein Anlass zum Feiern ist: Deutschland musste besiegt werden, um den Faschismus zu besiegen. Wir sind immer wieder auf Menschen getroffen, die ihre Achtung vor dem Deutschen Volk und ihre Freundschaft zu den Deutschen zum Ausdruck brachten. Ein 91-jähriger Kriegsveteran sagte beim Empfang mit Bürgermeister Alexander Smirnov: Ich liebe die Deutschen, weil sie arbeiten und ehrlich sind. Für uns war es ein Sieg über den Faschismus, nicht über die Deutschen.“
Bereits zum Auftakt des Besuchs in Zvenigorod hatte Bürgermeister Smirnov, der 2014 von der Bevölkerung in sein Amt gewählt wurde, mit seinen Stellvertretern und einer Volksdeputierten das Interesse an einer Partnerschaft mit Lahr zum Ausdruck gebracht: „Wir sind ein offenes Volk und sehr interessiert an offenen und freundschaftlichen Kontakten zwischen Deutschland und Russland. Zvenigorod und Lahr können vor dem gemeinsamen Hintergrund einer verbindenden deutsch-russischen Geschichte eine Partnerschaft aufbauen, in die beide Städte ihre individuellen Stärken einbringen können.“ Bürgermeister Petters: „Wir haben in mehreren Gesprächen bereits eine Reihe von möglichen Kooperationsfeldern besprochen, die es nun näher zu erarbeiten gilt. Besonders im Fokus stehen die Themen Tourismus, Bildung und Medizin sowie die berufsbezogene Sprachkompetenz am Arbeitsplatz. So wissen wir sowohl von Unternehmen als auch von Schulen um das Interesse an einer Partnerschaft von Lahr mit einer russischen Stadt. Viele Firmen haben Geschäftsbeziehungen oder sogar ein eigenes Werk in Russland. Deshalb sind die Kenntnis von Sprache und Gepflogenheiten beider Länder von Interesse.“
Bürgermeister Petters hat im Namen von Oberbürgermeister Dr. Wolfgang G. Müller eine Einladung nach Lahr zur Landesgartenschau ausgesprochen, die Bürgermeister Smirnov bereits angenommen hat. Der konkrete Termin wird noch abgestimmt. Oberbürgermeister Dr. Müller: „Es war mir wichtig, dass die Reise nach Zvenigorod im gewünschten Zeitraum stattfindet, obwohl ich aus terminlichen Gründen selbst nicht daran teilnehmen konnte. Außerdem war es mir von Beginn an ein Anliegen, dass nicht nur die Verwaltung reist, sondern die Delegation durch die Fraktionsvertreter auch die Bürgerschaft repräsentiert. Über den positiven Verlauf bin ich sehr froh. Ich kann mir gut vorstellen, die partnerschaftlichen Beziehungen sehr bald in eine Kontinuität in Richtung Städtepartnerschaft voranzubringen. Nun gilt es, auf beiden Seiten die geeigneten Interessierten und Motoren für eine Partnerschaft zu identifizieren und zusammenzubringen. In Lahr kann dies zum Beispiel der Deutsch-Russische Verein sein. Die ersten Gespräche hierfür haben wir bereits geführt. Wir wissen um das große Interesse vieler unserer Bürger an Russland sowie um das wirtschaftliche und auch touristische Potenzial des Großraums Moskau. Hinzu kommt die vergleichsweise kurze Flugdauer von etwa drei Stunden. Die Entfernung ist also auch für einen regelmäßigen Schüleraustausch leicht zu bewältigen. Deshalb ist für uns gerade diese Region für eine Partnerschaft von Interesse.“
Als Dolmetscherin begleitete die Delegation Hilda Beck von der zweisprachigen Sozialberatung, die selbst Russlanddeutsche ist. Immer wieder konnte sie auch russische Zusammenhänge erklären, die weit über die reine Übersetzung hinausgingen. Eine ähnliche Rolle könnten die Lahrer Russlanddeutschen generell für eine Partnerschaft spielen: Sprach- und Kulturverständnis beider Seiten als Basis für eine gelungene Partnerschaft.
Von Seiten des Gemeinderats haben die Stadträte Roland Hirsch (SPD), Hermann Burger (CDU), Eberhard Roth (Freie Wähler), Dorothee Granderath (Grüne) und Jörg Uffelmann (FDP) an der Delegationsreise teilgenommen. Übereinstimmend erklären sie: „Völkerverständigung bedeutet, miteinander zu sprechen. Um das authentisch zu tun, muss man auch in Zeiten von Smartphone und Internet noch reisen. Denn nur vor Ort kann man auch die jeweiligen Gegebenheiten und die Kultur richtig erfassen. Es war beeindruckend, mit welcher Offenheit die Menschen auf uns zugekommen sind. Von Vorbehalten war nichts zu spüren. Vielmehr nehmen wir den starken Wunsch nach freundschaftlicher und gleichberechtigter Zusammenarbeit mit. Wir werden in unseren Fraktionen mit einer sehr positiven Grundhaltung über die Reise und die Möglichkeiten für eine Partnerschaft informieren.“
Die Delegation hatte sich auf den Besuch in Zvenigorod zusätzlich vorbereitet. Am Anfang der Reise standen Gespräche in Moskau in der Deutschen Botschaft mit der Auslandshandelskammer, dem Internationalen Verband der deutschen Kultur und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Hierbei wurden unter anderem das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial von Russland, die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland sowie das generelle Interesse an einer Zusammenarbeit mit deutschen Kommunen betont. Seitens der Deutschen Botschaft hat auch Botschaftsrat Erster Klasse Dr. Tobias Tunkel am Gespräch teilgenommen. Er ist gebürtiger Lahrer.