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04.05.2016 - "Inklusion ist ein Gewinn für alle"

"Der Storchenturm ist ja rund", staunte der blinde Lothar Baumann als er während der Probeführung das Modell der einstigen Tiefburg abtastete. Die Probeführung war eine von vielen Etappen auf dem Weg zu den im Mai startenden historischen Stadtrundgängen mit sehbehinderten und blinden Menschen. "Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, als wir vor zwei Jahren beschlossen, künftig inklusive Führungen anzubieten", resümiert Martina Mundinger vom Stadtmarketing. "Der Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Sehbehinderung ist mühsam, aber heute wissen wir, Inklusion ist ein Gewinn für alle."

Am Anfang stand ein erstes Sondierungsgespräch mit Mischa Knebel, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Südbaden, der in der Folge das Projekt seit einem Jahr begleitet hat. "Ich habe große Hochachtung vor der Arbeit und dem Engagement der Stadt und der Stadtführer", betont Mischa Knebel. "Lahr ist für uns Pilotstadt, von der andere Kommunen lernen können."

Zunächst galt es, gemeinsam mit Stadthistoriker Thorsten Mietzner und dem Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden Module für ein inklusives Stadtführungskonzept zu erarbeiten. In einer ganztägigen Fortbildung lernten die Stadtführerinnen und Stadtführer unterschiedliche Formen von Sehbehinderung und Blindheit kennen, um dann gezielt auf die Bedürfnisse an einen inklusiven Rundgang einzugehen. Schnell wurde deutlich, dass Führungen mit Blinden und sehbehinderten Menschen eine große sprachliche Herausforderung sind.

"Durch eine bildhafte Sprache entsteht eine Art Kopfkino", so Knebel. "Bei den sehenden Teilnehmern wiederum eröffnet eine erzählende Beschreibung der sichtbaren Gebäudefassaden den Blick fürs Detail", ergänzt Mundinger. Neben der Sprache galt es auch, die Inhalte neu zu fassen. "Damit Architektur und geschichtliche Inhalte für Blinde vermittelbar werden, mussten wir das Stadtführungskonzept viel stärker strukturieren, straffen und unser Augenmerk auf die Beschreibung prägender, kunstgeschichtlicher Elemente der Fassaden legen", erklärt Thorsten Mietzner. Der Beschreibung eines Objekts folgt nun die historische Einbettung, um mit der geschichtlichen Bedeutung zu enden. Der neu konzipierte historische Stadtrundgang durch die Innenstadt umfasst neun Stationen und gibt einen Überblick über die Stadtgeschichte von der Gründung bis zur Industrialisierung.

Anfang des Jahres durchliefen schließlich alle Gästeführer, die künftig inklusive Führungen begleiten werden, einen Proberundgang, der nicht nur ein Feedback aus Sicht des blinden Mischa Knebel lieferte, sondern auch Grundlage für den letzten inhaltlichen Feinschliff war.

Zuvor galt es für das Stadtmarketing geeignete Objekte zur Herstellung haptischer Modelle auszuwählen. So dürfen künftig Sehende und Blinde gleichermaßen den Storchenturm und das Alte Rathaus als Drei-D-Modell ganz aus der Nähe betrachten beziehungsweise ertasten. Rolf Ilzhöfer aus Kuhbach hat ergänzend den mittelalterlichen Stadtplan, der auch bislang Teil der Führungen war, als taktiles Modell gefertigt. Die Herstellung des Hauses Stoesser-Fischer mit seiner kleinteiligen Fassade war zudem eine echte Herausforderung für den Hobbymodellbauer.

Angela Tacke wird am Donnerstag, 12. Mai 2016, als erste von 17 Stadtführern ab 18.30 Uhr die öffentlichen, inklusiven historischen Stadtführungen begleiten. "Für uns Stadtführer sind die neuen, inklusiven Stadtrundgänge Herausforderung und Bereicherung gleichermaßen", erklärt Angela Tacke. "Die Konzentration auf architektonische Details, die beschreibende Sprache sowie die konsequente historische Einbettung der einzelnen stadtgeschichtlichen Geschehnisse und Objekte haben mir ein Stück weit die Augen geöffnet für Dinge und Zusammenhänge, die ich vorher gar nicht so wahrgenommen habe."

Die bevorstehende Saison ist eine weitere Etappe auf dem Weg zur Inklusion. Nach der Sommerpause werden Stadtmarketing und Stadtführer die Erfahrungen evaluieren und das Konzept gegebenenfalls weiter anpassen.