Wie verändert eine Demenzerkrankung einen Menschen und die Beziehung zu seinen Angehörigen? Und wie begegnet man einem vertrauten Menschen, wenn Erinnerungen, Orientierung und Selbstständigkeit zunehmend verloren gehen? Diesen Fragen widmete sich ein besonderer Theaterabend, zu dem das Netzwerk Demenz Lahr am Mittwoch, 28. Oktober 2026, in den Schlachthof – Kinder, Jugend & Kultur eingeladen hatte. 82 Besucherinnen und Besucher im Alter von 13 bis 90 Jahren erlebten die theatrale Lesung „Der alte König in seinem Exil“ nach dem autobiografischen Buch von Arno Geiger.
Das Werk von Arno Geiger erzählt von der Beziehung des Autors zu seinem Vater August, der an Alzheimer erkrankt. Dabei richtet der Autor den Blick nicht ausschließlich auf die Krankheit und ihre Folgen, sondern vor allem auf den Menschen hinter der Diagnose. Trotz schwindender Erinnerungen und zunehmender Orientierungslosigkeit bleiben der Humor, der Eigensinn, die Lebensfreude und die Würde seines Vaters spürbar.
Die Schauspieler Achim Conrad und Thomas Zieler vom Movingtheatre Köln näherten sich diesem besonderen Vater-Sohn-Verhältnis mit großer Sensibilität. An einem Tisch sitzend, wechselten sie zwischen den Perspektiven von Vater und Sohn und ließen in ausgewählten Passagen die bewegende Geschichte lebendig werden. In rund 60 Minuten entstand ein eindringliches Bild einer Beziehung, die sich durch die Erkrankung grundlegend verändert und dennoch von Nähe und Verbundenheit getragen wird.
Die Lesung zeigte eindrucksvoll, wie sich die Lebenswirklichkeit eines Menschen mit Demenz verändert. Alltägliche Dinge, die früher selbstverständlich waren, werden zu unüberwindbaren Herausforderungen. So fragt der Vater beispielsweise nach seinem dritten Socken oder weiß plötzlich nicht mehr, wie man von einem Stück Essen abbeißt. Auch die vertraute Umgebung verliert ihre Selbstverständlichkeit. Selbst das eigene Zuhause wird fremd, Straßen und Häuser sind nicht mehr wiederzuerkennen. Besonders eindrücklich beschrieb der Sohn die zunehmende Heimatlosigkeit seines Vaters: „Er fühlte sich wie im Exil, die Redenden, selbst seine Kinder, waren ihm fremd.“ Eine Aussage, die den Titel des Buches auf berührende Weise verständlich machte.
Gleichzeitig sorgten die humorvollen und manchmal überraschenden Äußerungen von August Geiger immer wieder für Schmunzeln im Publikum. Sein Talent für Ausreden, sein trockener Humor und seine direkte Art ließen erkennen, dass die Persönlichkeit trotz der fortschreitenden Erkrankung erhalten bleibt. Sätze wie „Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen“ oder „Meine Güte, hoffentlich vergesse ich das nicht wieder“ verdeutlichten die besondere Mischung aus Klarheit, Verunsicherung und Lebensweisheit. Auch die zunehmende Belastung für die Angehörigen wurde nicht ausgeblendet. Der Sohn schilderte, wie der Alltag immer stärker von Unterstützung und Betreuung geprägt war – vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Dabei wurde deutlich, dass es immer wieder neue Wege braucht, um miteinander in Kontakt zu bleiben. „Er kann nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen, so muss ich zu ihm“, beschreibt Arno Geiger diese notwendige Veränderung der Perspektive.
Die Lesung machte deutlich: Kein Mensch mit Demenz ist wie der andere. Jeder Krankheitsverlauf ist individuell und verlangt von Angehörigen, Betreuungspersonen und dem sozialen Umfeld immer wieder neue Formen des Verstehens und der Begegnung. Dabei geht es nicht nur darum, Verluste auszuhalten, sondern auch darum, die noch vorhandenen Möglichkeiten, Gefühle und Persönlichkeitsmerkmale wahrzunehmen und wertzuschätzen. Die Inszenierung fand beim Publikum durchweg großen Anklang. Viele Besucherinnen und Besucher zeigten sich von der einfühlsamen und zugleich eindringlichen Darstellung begeistert.
Im Anschluss an die theatrale Lesung versammelten sich Achim Conrad und Thomas Zieler mit Heike Dorow von der Demenzagentur Lahr und der Lahrer Außenstelle des Pflegestützpunktes des Ortenaukreises sowie Beatrice Meyer von der Geschäftsstelle des Beirats für die Belange von Menschen mit Behinderung und Poolmanagerin des Projekts „Zeit für mich, auf der Bühne zum offenen Austausch mit dem Publikum. Dabei wurden Eindrücke geteilt, Fragen gestellt und Erfahrungen rund um das Thema Demenz miteinander besprochen.
Zudem stellte Heike Dorow die vielfältigen Unterstützungs- und Beratungsangebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vor.
Darüber hinaus stellten sich die Einsatzleitungen der Nachbarschaftshilfen kurz vor: Maria Bauer von der Nachbarschaftshilfe Schuttertal, Sarah Hafenstein von der Nachbarschaftshilfe Seelbach und Sabine Junker von der Nachbarschaftshilfe Friesenheim. Umfangreiches Informationsmaterial und die Möglichkeit, sich über weitere Hilfen bei der Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz zu informieren, ergänzten das Angebot des Abends.
Organisiert wurde der Theaterabend vom Netzwerk Demenz Lahr in Kooperation mit der Abteilung Kultur, der Lahrer Rockwerkstatt und der Dreyspringbar. Unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Stadt Lahr, dem Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit sowie durch Mittel der gesetzlichen Pflegeversicherung.
Weitere Informationen gibt die Demenzagentur Lahr unter Telefon 07821 910-5017, per E-Mail an Demenzagentur@lahr.de oder über die Internetseite der Stadt Lahr.