30.09.2026 - Ein neues Forschungsprojekt am Stadtmuseum Lahr sucht nach Spuren des Kolonialismus
Auf den Spuren des Kolonialismus
Bastian Kussin und Silke Höllmüller präsentieren das neue Forschungsprojekt des Lahrer Stadtmuseums.
Quelle: Stadt Lahr
Was hat der Kopfschmuck einer Königin von den Sandwichinseln im Depot des Lahrer Stadtmuseums verloren? Dieser und vielen weiteren Fragen geht ab 15. August 2026 ein neues Forschungsprojekt am Stadtmuseum nach.
In der Vorbereitung für die Sonderausstellung „Tatsachen – Verbrechen und Strafe in Lahr“ stieß Kurator Bastian Kussin auf eine ganze Reihe außergewöhnlicher Sammlungsstücke. Es handelt sich um über 200 Stücke aus ehemaligen Kolonialgebieten, darunter Holzmasken aus Afrika, Gewänder aus Indien und Schmuckstücke von Südseeinseln. Im Rahmen einer Forschungsförderung wird nun unter seiner Projektleitung ein näherer Blick auf diese Objekte geworfen. Im Fokus stehen dabei mögliche Unrechtshintergründe und koloniale Bezüge beim Erwerb der Stücke.
Gefördert wird das Projekt vollständig vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK). Die Stiftung fördert Provenienzforschung zu Kulturgütern aus historischen Unrechtskontexten. Dem Stadtmuseum wird dadurch erlaubt, ein Stück Sammlungsarbeit nachzuholen, was ohne die Förderung nicht möglich wäre.
Das Stadtmuseum Lahr verfügt laut DZK über mehrere Objekte mit großer wissenschaftlicher Relevanz. An Ihnen lasse sich erforschen, „wie das koloniale Gedankengut und Strukturen auch abseits der großen Städte und sogenannten „Kolonialmetropolen“ in der Gesellschaft verankert waren. Daher begrüßen wir die Initiative des Stadtmuseums Lahr“, so Jan Hüsgen, Leiter des Fachbereiches „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ am DZK.
Die Vielfalt der Objekte und ihrer Herkunftsorte ist im Fall Lahrs enorm. Evangelische Missionare brachten zum Beispiel Stücke aus ihren Einsatzgebieten in Ostindien und Kamerun, Matrosen brachten Kriegsbeute aus Ost-Afrika und wohlhabende Fabrikanten brachten Souvenirs von ihren Weltreisen. Sogar ein goldbestickter Anhänger mit der Aufschrift „Kopfputz der Königin Pomaré, Sandwichinseln“ befindet sich in Lahr – wobei den alten Museumszetteln nicht immer bedingungslos zu trauen ist.
Im Rahmen des Forschungsprojekts wird zunächst ermittelt, wie viele Stücke mit begründetem Verdacht auf koloniale Kontexte bestimmt werden können. Dazu konzentriert sich die Provenienzforschung vor allem auf die Objektgebenden. Aus dem Blick auf ihre Biographie kann versucht werden, den Erwerb des Objekts zu rekonstruieren. Das Projekt ist ein grundlegender „Erstcheck“, von dem alleine noch keine Restitutionen zu erwarten sind.
Die Ergebnisse des „Erstchecks“ am Stadtmuseum werden in den Forschungs-Datenbanken des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und der Deutschen Digitalen Bibliothek veröffentlicht. Sie schließen an vergleichbare Förderprojekte in der Region an, wie etwa am Museum im Ritterhaus Offenburg oder an den Städtischen Museen Freiburg. Im Januar 2027 ist eine Abschlussveranstaltung geplant.