Zwei Jahre lang begleitet die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK) die Stadt Lahr mit dem Ziel, die Innenstadt fortzuentwickeln und insbesondere die Zahl der Leerstände zu verringern. Das Team der IHK-Innenstadtberatung unter der Leitung von Thomas Kaiser hat im April 2025 seine Arbeit aufgenommen – der erste Schritt, eine Bestandsaufnahme der aktiven und inaktiven Gewerbeflächen in der Stadtmitte, ist nun abgeschlossen.
Die Lahrer Innenstadt verfügt der Erhebung zufolge über 334 gewerbliche Flächen in Erdgeschosslage, von denen 290 aktiv genutzt werden – das entspricht einem Anteil von 84 Prozent. Zugleich bestehen sichtbare und stadtbildprägende Leerstände, die es zu beseitigen gilt. Ein wesentliches Hindernis seien jedoch die Bestandsmieten und Mietvorstellungen, die sich zwischen sechs und 26 Euro je Quadratmeter kalt bewegen. Diese Preise seien an der oberen Grenze deutlich zu hoch, im unteren Bereich der Lage und dem Investitionsrückstau geschuldet.
Die IHK-Innenstadtberatung empfiehlt, sich zunächst auf die Belebung der systemrelevanten Leerstände im verdichteten Kernbereich mit der Marktstraße als zentraler Einkaufsachse zu fokussieren. Dies dient nicht nur der Wirtschaft, sondern auch unmittelbar dem städtischen Haushalt: Das Marktforschungsinstitut IFH Köln geht davon aus, dass einer Kommune mit jedem Leerstand jährliche Einnahmen von rund 12.500 Euro – vornehmlich aus der Gewerbesteuer – entgehen. Bei derzeit 44 Leerständen in der Innenstadt ergibt sich für die Stadt Lahr ein rechnerischer Fehlbetrag von etwa 550.000 Euro im Jahr.
Seit rund einem Jahr läuft das Sanierungsgebiet Innenstadt-Marktstraße, bei dem zunächst private Maßnahmen im Fokus stehen sollen. Bislang sind bei der Stadt Lahr 19 Sanierungsanfragen eingegangen. Laut der IHK-Erhebung liegen 126 gewerbliche Flächen im Sanierungsgebiet. Städtebauliche Sanierungsmittel könnten bei Gebäuden mit festgestellten Missständen genutzt werden – mit dem Ziel, sie durch umfassende Sanierungsmaßnahmen zukunftsfit aufzustellen oder sie gar umzunutzen. Das Stadtentwicklungs- und Stadtplanungsamt wird daher mit Eigentümerinnen und Eigentümern potenzieller Sanierungsobjekte in Kontakt treten, um sie über die Fördermöglichkeiten zu informieren. Städtische Projekte sind erst in einer späteren Phase – der Bewilligungszeitraum erstreckt sich zunächst bis 2033 – vorgesehen und noch mit dem Gemeinderat zu definieren.
Die Stadt Lahr hat zudem für das Sanierungsgebiet Innenstadt-Marktstraße einen Antrag im Programm für nichtinvestive Städtebauförderung (NIS) des Landes Baden-Württemberg gestellt. Wesentliche Ziele dieses Förderprogramms sind, die Lebensqualität und Nutzungsvielfalt im Sanierungsgebiet sowie die Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Quartier zu erhöhen, den sozialen Zusammenhalt und die Integration zu sichern und zu verbessern sowie die lokale Wirtschaft zu stärken. Im Falle einer Förderzusage soll ein sogenannter Verfügungsfonds eingerichtet und mit Beteiligung und aktiver Mitwirkung aller lokaler Akteurinnen und Akteure über Maßnahmen im nichtinvestiven Bereich entschieden werden.
Darüber hinaus bestehen Ideen für konkrete Vorhaben zur Stärkung des zentralen Innenstadtbereichs. Dazu zählen beispielsweise ein temporäres Wasserspiel auf dem Rathausplatz, ein interkultureller Night-Food-Markt auf dem Marktplatz in Kooperation mit Lahrer Vereinen und den Bewohnerinnen und Bewohnern der Innenstadt sowie vorübergehende Nutzungen von Leerständen – als Ideen-, Anlauf-, Vernetzungs- und Beratungsraum für Bewohnerinnen und Bewohner, Eigentümerinnen und Eigentümer von Immobilien, Stadtverwaltung, Gründerinnen und Gründer, Unternehmen sowie Ehrenamtliche.
Unabhängig vom Erfolg des NIS-Antrags wird im Januar 2026 für eine Woche ein „Solution Lab“ in der Innenstadt stattfinden. Etwa zehn Studierende werden dort eine Konzeption dafür erarbeiten, wie Innovationen in der Innenstadt gestärkt sowie Akteurinnen und Akteure mobilisiert werden können. Die Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl und die Werkstatt für Integration und Soziale Innovationen WISI GmbH werden das Vorhaben inhaltlich begleiten.
Schon jetzt tragen Folierungen von Leerständen dazu bei, die Vermarktung der Flächen zu unterstützen und das Stadtbild zu verschönern – die Stadtverwaltung wird dieses Instrument künftig weiterhin einsetzen. Das Stadtmarketing wird ebenfalls temporär in einen Leerstand einziehen und vor Ort den Dialog mit den Akteurinnen und Akteuren der Innenstadt intensivieren, insbesondere mit Eigentümerinnen und Eigentümern zu den Themen Nachnutzung und Sanierung ihrer Immobilien.
„Die ersten Ergebnisse der IHK-Innenstadtberatung belegen, dass ein proaktives Flächenmanagement für die Lahrer Innenstadt zwingend notwendig ist“, bilanziert Oberbürgermeister Markus Ibert. „Eine funktionierende Innenstadt ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Stadtverwaltung, Wirtschaft, Werbegemeinschaft sowie Eigentümerinnen und Eigentümer von Immobilien. Mit vereinten Kräften kann es uns gelingen, die tragende Funktion des Einzelhandels im Kernbereich zu erhalten und andere Innenstadtlagen in Wohnungen, Manufakturen, Kultur und Kreativwirtschaft sowie sozio-ökonomische Nutzungen zu überführen.“