Lahrer Zeitungen, Badische Zeitung, Lahrer Zeitung, Lahrer Anzeiger

30.09.2025 - Interaktiver Theaterabend im Schlachthof Lahr zum Thema Demenz „Großartiges Theater, das ganz tief ging“

Das interaktive Dialogtheaterstück „Ich will hier nicht mehr bleiben“ hat das schwierige und oft tabuisierte Thema Demenz auf die Bühne gebracht: Rund 80 Besucherinnen und Besucher haben im Schlachthof Lahr einen Abend voller Emotionen, Denkanstöße und konkreter Handlungsvorschläge erlebt.

Im Zentrum des Stücks steht Dr. Hubert Schreiner, ein ehemaliger Geschäftsführer, der an Demenz erkrankt ist. Weil seine Versorgung zuhause für seine Ehefrau Gerda nicht mehr möglich war, entschlossen sich die Angehörigen schweren Herzens, Hubert in ein Pflegeheim zu geben. In der neuen Wohnsituation fühlt er sich aber gar nicht wohl. Hubert ist desorientiert und will unbedingt wieder nach Hause, was zu Konflikten führt. Aussagen wie „Ich will hier nicht mehr bleiben“, „Ich habe kein Mittagessen bekommen“ oder „Die will was von mir. Hast du gesehen, wie die mich angeschaut hat?“ spiegeln seine innere Verunsicherung und Hilflosigkeit wider. Auch bei Ehefrau Gerda wachsen die Zweifel: „Papa kommt ja gar nicht zurecht hier. Vielleicht hätten wir uns mit dem Pflegeheim noch Zeit lassen sollen“, sagt sie. Die Tochter äußert gegenüber dem Stationsleiter Vorwürfe: „Mein Papa ist nun sechs Wochen da und ist immer noch nicht angekommen“ und „Wir merken nicht, dass Sie meinen Vater individuell unterstützen“. Solche Aussagen machen die Überforderung und emotionale Zerrissenheit der Angehörigen deutlich. So endet das Theaterstück zunächst mit einem provokanten Schluss und vielen offenen Fragen.

Die bewusst zugespitzten Szenen wurden von dem Theaterpädagogen und Psychotherapeuten Karlo Müller sowie der Sozialpädagogin und Krankenschwester Kornelia Masur konzipiert und inszeniert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler ließen die Konflikte realitätsnah eskalieren, um die Zuschauerinnen und Zuschauer emotional zu erreichen und für die Herausforderungen im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen zu sensibilisieren.

Nach einer kurzen Pause wurde gemeinsam mit dem Publikum nach Verbesserungsvorschlägen gesucht. Anhand der Fragen „Was hat Sie berührt?“ und „Wo sehen Sie Probleme?“ wurde das Publikum in die Szenen eingebunden. Es fielen Stichworte wie „Nähe und Zuwendung fehlte“, „Bevormundung durch Ehefrau und Krankenschwester“, „Umgang mit Trauer und Depression“, „kein Ansprechen der Gefühle von Dr. Hubert Schreiner“, „Überforderung und Hilflosigkeit der pflegenden Angehörigen“, „Grenzen finden“, „Dr. Hubert Schreiner mehr Verantwortung geben und ihn ernst nehmen in seiner Lebenswirklichkeit“ oder „Rituale und Orientierungshilfen, zum Beispiel durch Erinnerungen an das Gitarre spielen“.

Im zweiten Teil des Abends wurden die Schlüsselszenen erneut aufgegriffen – diesmal mit Unterstützung und aktiver Beteiligung des Publikums. Zuschauerinnen und Zuschauer schlüpften selbst in die Rollen und spielten alternative Verhaltensweisen zur Deeskalation der Konflikte. Auch Sylvia Bing und Heike Dorow von der Demenzagentur Lahr beteiligten sich spontan und demonstrierten alltagsnahe und empathische Handlungsmöglichkeiten.

„Das war ein großartiges Theater, das tief ging. Ich nehme viele hilfreiche Impulse für meinen Alltag mit“, sagte eine Besucherin beim Verlassen des Theaters. Die interaktive Auseinandersetzung ermöglichte nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch den Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen, Fachkräften und Interessierten – mit vielen Denkanstößen und auch Momenten des Humors.

Beatrice Meyer, Poolmanagerin des Projekts „Zeit für mich“ im Netzwerk Demenz, begrüßte die Gäste. Sylvia Bing, ebenfalls von der Demenzagentur Lahr, griff das Thema Demenz auf und stellte die Unterstützungsangebote der Demenzagentur vor. Vor und nach dem Stück informierten Flyer über die Demenzagentur und den Pflegestützpunkt Ortenaukreis, das Projekt „Zeit für mich“ sowie weitere Angebote rund um das Thema Demenz.

Die Veranstaltung fand im Nachgang zum Welt-Alzheimertag statt und wurde vom Netzwerk Demenz in Kooperation mit LahrKultur, der Lahrer Rockwerkstatt und der Dreyspring Bar organisiert. Der Theaterabend wurde finanziell unterstützt von der Stadt Lahr, dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg sowie aus Mitteln der gesetzlichen Pflegeversicherung.