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01.04.2021 - Was macht eigentlich eine Stadthistorikerin? Detektivin in der Vergangenheit und Vermittlerin in der Gegenwart

Elise Voerkel sitze an ihrem Schreibtisch vor dem PC mit einer geöffneten Seite der Feuerwehr. Sie lächelt herzlich in die Kamera.
Stadthistorikerin Elise Voerkel
Gibt es in jeder Stadt eine Stadthistorikerin? Was sind die Aufgaben von Stadthistorikern? Wer füllt diese Aufgabe in Lahr aus?

Nicht alle Städte verfügen über eine eigene Historikerstelle. Dabei birgt die Analyse von Zeitzeugenberichten und die Einordnung historischer Ereignisse eine große Chance, um aus vergangenen Epochen zu lernen und mit neuen Herausforderungen umgehen zu können. Die Stelle der Stadthistorikerin der Stadt Lahr bekleidet seit Oktober 2019 Elise Voerkel. Die 50 Prozent Stelle ist Teil des Stadtmuseums.

Arbeitsgrundlage für Historiker sind Quellen. Dies können Gegenstände, Bilder oder Texte sein. Sie werden interpretiert und eingeordnet. Die Arbeit von Historikern geht weit über den Arbeitsalltag hinaus, um das große Pensum an Literatur zu erarbeiten. Der Austausch mit anderen Historikern  ist zentral, um geschichtliche Inhalte aus unterschiedlichen Perspektiven neu interpretieren und hinterfragen zu können. Das Ergebnis von Recherche, Lektüre und Diskussion ist letztlich meist wieder ein Text, beispielsweise für eine Ausstellungstafel, ein Skript für eine Stadtführung, Grundlage für Reden oder klassische Aufsätze in der Fachliteratur.

Die Lahrer Stadthistorikerin Elise Voerkel stammt aus Leipzig, wo sie das Masterstudium in Kulturwissenschaften absolvierte. Ein Erasmus Auslandssemester führte sie nach Lyon und ihre Dissertation nach dem Studium mit dem Thema „Alltagsgeschichte in der Schweiz“ nach Basel. Als Kulturwissenschaftlerin hat sie sich neben verschiedenen Kultursparten mit Migrationsgeschichte, Städtepartnerschaften und der Museumsarbeit beschäftigt. Ehrenamtlich erarbeitete Elise Voerkel in Basel inhaltliche Konzepte für Stadtführungen.

Die Aufgaben in Lahr sind vielfältig: „Schon jetzt laufen die Vorbereitungen für die Sonderausstellungen im Stadtmuseum im kommenden Jahr“, informiert die Historikerin. Wir erarbeiten beispielsweise gerade eine Ausstellung zum 175-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr. Ausstellungen sind eine Möglichkeit, die wissenschaftliche Forschung auf konkrete Geschichten und Objekte herunter zu brechen und anschaulich zu machen. Der Schutzhelm eines Feuerwehrmanns oder ein Löscheimer aus Leder können dann Zeugen für den Alltag in früheren Zeiten oder Etappen in der Technikgeschichte werden.

Auch außerhalb des Museums betreut Voerkel zahlreiche Projekte in Lahr: Da ist zum einen die Erinnerung an Lahrer Verfolgte und Opfer der Diktatur des Nationalsozialismus, die durch Gedenkveranstaltungen oder auch mit der Verlegung von Stolpersteinen lebendig gehalten wird. Gerade hier ist der Beitrag engagierter Bürgerinnen und Bürger der Stadt wertvoll und wichtig. Die Stadthistorikerin unterstützt mit ihrer Arbeit auch Jubiläen von Lahrer Stadtteilen, wie die Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Umsiedlung Langenwinkels, oder die Fortbildungen der Gästeführer. Dabei liegt die inhaltliche Konzeption von Themenführungen bei ihr. Im letzten Jahr hat die Historikerin beispielsweise den Stadtrundgang „Frauen in Lahr“ neu ausgearbeitet. Die Vorbereitung von Publikationen und die Beantwortung von Fragen zur Lahrer Geschichte und historischen Gebäuden zählen ebenso zu ihrem Tätigkeitsfeld. In Zeiten der Pandemie ist die Stadthistorikerin zunehmend mit Fragen der Ahnenforschung gefragt.

„Geschichte ist der Blick zurück auf vergangene Ereignisse und das Nachdenken darüber, welche Bedeutung diese historischen Vorgänge für heutige Entwicklungen haben“, erklärt Voerkel, „Jede Zeit stellt andere Fragen an die Vergangenheit und bringt eigene historische Wahrnehmungen hervor, die es durch Historiker einzuordnen und zu bewerten gilt.“