Kulturhäppchen #8 - Die Franzosen kommen!

Heute vor 75 Jahren haben französische Truppen unsere Stadt eingenommen. In Lahr waren die Kämpfe damit vorbei. Der Krieg ging anderswo weiter – aber auch in Lahr waren die Folgen des Krieges noch lange spürbar.

Wir haben Ostern gefeiert. Anders in diesem Jahr, aber für die meisten von uns doch recht komfortabel. Hamsterkäufe hin oder her: an Eiern hat es nicht gemangelt. Als vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, waren Lebensmittel knapp und mussten rationiert werden. Selbst um ein Ei zu kaufen musste man eine entsprechende Karte vorweisen können.

Wir Nachgeborenen können uns nicht vorstellen, was wirklicher Hunger bedeutet. Noch zwei Jahre nach Kriegsende waren die Lebensmittelrationen zu knapp für eine ausreichende Ernährung. Gemüseanbau in der Stadt und die Dörfer ringsum konnten eine Katastrophe verhindern, aber das Essen war immer zu wenig um alle satt zu machen. So sehr wir aktuell mit anderen Problemen beschäftigt sein mögen: die Erinnerung an die Ereignisse vor 75 Jahren lässt uns sehen, wie gut wir es heute haben.

Jahrestage – der 18. April für das Ende der Kämpfe in Lahr oder das europäische Kriegsende am 08. Mai – geben Anlass, zurück zu schauen. Wir erinnern an die Menschen, die durch Zwangsarbeit oder Gas in den Vernichtungslagern, durch Hunger und Krankheit in europäischen Ghettos, durch eine mörderische Justiz, durch deutsche Bomben und als Soldaten ums Leben kamen. Wir erinnern uns, wie der Tod schließlich auch Lahr erreichte. Jugendliche und alte Männer wurden im „Volkssturm“ als Soldaten eingezogen und auch Frauen halfen beim Schanzen (also dem Ausheben von Gräben als Verteidigungsstellungen). So wurde die Bevölkerung direkt in die Kampfhandlungen hinein gezogen, es fielen Bomben und auch in unserer Gegend kam es zu Gewaltausbrüchen, die Historikerinnen und Historiker heute als Endphasenverbrechen bezeichnen. Wer nicht mehr kämpfen wollte, wurde als Deserteur erschossen, auch das Hissen von weißen Fahnen wurde den Menschen verboten.

Mit großer Angst und Anspannung wurden die französischen Truppen in Lahr erwartet. Wie würde es unter der Besatzung weitergehen? Als es endlich soweit war, machte sich auch Erleichterung breit. Lahr war nicht „in Grund und Boden geschossen“ worden. Man konnte wieder in der eigenen Wohnung schlafen. Und die bisherigen Feinde entpuppten sich als Menschen. Menschen mit individuellem Charakter –  im Guten wie im Schlechten. Mit eigenen Interessen und teilweise ohne Skrupel. Hartherzige Menschen, die sich nicht beschwatzen ließen und andere, die ein Einsehen hatten. Menschen, die mitleidig ihr Essen teilten und Menschen, die sich auf eigene Faust für Unrecht rächten, dass ihnen von Deutschen widerfahren war. Das Zusammenleben war keineswegs einfach, die Wohnungen beschlagnahmt, Verhaftungen nicht immer nachvollziehbar, Lebensmittel knapp. Und doch – als die Franzosen nach über 20 Jahren Lahr verließen, da überwog das Bedauern.

Wenn wir uns vorstellen, über wieviel Leid, Hass und tiefe Kränkungen hinweg die Menschen in Europa sich nach dem Krieg die Hände reichten und für Frieden und Versöhnung eintraten, dann erkennen wir, welche große Leistung der Aufbau eines vereinten Europa gewesen ist. Eine Leistung, die wir nicht leichtfertig wegen vermeintlicher nationaler Vorteile aufs Spiel setzen sollten. Wir brauchen Europa, gerade in diesen Zeiten und gerade hier in Lahr.