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Unerwartetes im Mauerwerk des Spitals

Vergrößerung des Bildes, öffnet in einem neuen Fenster: Steintrog an Fundstelle im Mauerwek mit mehreren Personen
Steintrog an Fundstelle

Wenn Zukunft auf Vergangenheit trifft: Die Bauarbeiter staunten nicht schlecht, als bei den Abrissarbeiten für den Bau des neuen Spitalflügels am 14. Mai 2009 ein monolithisch aus einem Sandsteinblock gefertigter, 1,60 mal 0,80 Meter großer und 0,90 Meter hoher Trog an der Rückfront des Spitalsüdflügels zum Vorschein trat, der – mit altem Bauschutt verfüllt – zu gut zwei Dritteln unter einer verputzten Wandschräge in das Mauerwerk des Gebäudes integriert war.
Alte Aschekiste gefunden?
Die Größe und altertümliche Steinbearbeitung ließen den Verdacht aufkeimen, dass es sich um ein in zweiter Funktion verwendetes, altes Objekt – eine so genannte Spolie – handelt. Die erste Vermutung zielte darauf, dass es sich vielleicht um eine – in der Tat überaus groß dimensionierte – römische Aschenkiste handelt, in der ehemals die Asche einer Brandbestattung des dritten Jahrhunderts n. Chr. deponiert worden war, bevor der kostbare Stein in den Spitalbau integriert wurde.
 

Vergrößerung des Bildes, öffnet in einem neuen Fenster: Innenansicht eines Steintrogs mit Bearbeitungsspuren
Innenansicht eines Steintrogs

Große Stückzahl lässt aufhorchen

Die Erklärung klang schlüssig, denn in neuem Funktionszusammenhang verwendete römische Spolien gibt es hierzulande relativ häufig, schließlich ist die Anwesenheit einer römischen Bevölkerung im Umfeld der späteren Stadt Lahr durch Funde aus Dinglingen und Burgheim bezeugt. Und ein prachtvolles Stück dieser Größe dürfte zu allen Zeiten zu einer Wiederverwendung angeregt haben, gilt doch der rote Sandstein vom Altvater, aus dem der Steintrog besteht, seit alters her als besonders qualitätvoll.
Die Theorie geriet jedoch ins Wanken, als beim weiteren Fortgang der Bauarbeiten sogleich vier weitere derartige Steintröge in nicht minderer Größe und Qualität in der Rückfront des mittleren Spitalgebäudes unterhalb der alten Toilettenanlagen zum Vorschein kamen, welche dem Einbau von Fahrstühlen weichen mussten.
 

Vergrößerung des Bildes, öffnet in einem neuen Fenster: Steintrog auf der Baustelle mit zwei Bauarbeitern und Bagger.
Vor dem Abtransport

Spekulationen

Eine so inflationäre Zahl an groß dimensionierten Behältnissen römischer Zeitstellung ließ Kritiker aufhorchen, denn im Vergleich zu den hierzulande überlieferten römischen Aschekisten scheinen die fünf Exemplare aus dem Mauerwerk des Lahrer Spitals schon allein aufgrund ihres Gewichts untypisch zu sein – der schwerste Trog wiegt immerhin 4,9 Tonnen und musste in einer logistischen Meisterleistung mit einem 48-Tonnen-Kran über eine Dachöffnung aus dem Gebäude geborgen werden. Allerdings: wer sonst außer den Römern verfügte über Interesse und Erfordernis, solch große Behältnisse aus einem großen Steinblock zu fertigen?
Fragen bleiben
Eine neue Hypothese zielt nun auf eine mittelalterliche oder neuzeitliche Verwendung im Umfeld des Gerberhandwerks, denn für 1748 ist der Verkauf des ehemaligen „Schellischen Anwesens“ und späteren Spitals an den Rotgerbermeister Jakob Baum überliefert. Weshalb aber ein solch großer Materialaufwand zur Herstellung eines Gerbereibehälters durchgeführt worden sein soll, wenn eine einfache Lohegrube in der Erde den gleichen Zweck erfüllte, und warum dann bis dato nicht schon früher vergleichbare Steintröge in der „Handwerkerstadt“ Lahr gefunden wurden, steht genauso in Frage.
 

Vergrößerung des Bildes, öffnet in einem neuen Fenster: Steintrog schwebend von grünen Kunsstoffgurten gehalten.
Steintrog beim Krantransport

Zurück auf Anfang

Eines immerhin kann inzwischen als gesichert gelten: Kein Exemplar dieser voluminösen Steintröge ist jemals komplett fertig gestellt worden. Es handelt sich in allen Fällen um so genannte Halbfabrikate, wie sie nicht selten am Werkplatz im Steinbruch liegen blieben. Mal ist die Unterseite nicht fertig abgespitzt, mal die Innenseite nicht komplett ausgehöhlt: jeder Steintrog hat eine ‚Macke‘, die an einer gezielten Herstellung für den Ort ihrer Auffindung zweifeln lassen.
Also doch Spolien? Zum Umbau des Spitals im 19. Jahrhundert war eine große Menge neuen Werksteins erforderlich, der in den Steinbrüchen am Altvater gebrochen wurde. Vielleicht stieß man dabei auf einen alten Steinbruch mit liegen gebliebener ‚Ausschussware‘, die man im Spital einer neuen Verwendung (als Sammelbehälter für Fäkalien oder Küchenabfälle?) zuführte.
Niklot Krohn
 

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